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Friederike Habermann © 2002

 

 
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Wer bislang glaubte, Warteschlangen habe es nur im Realsozialismus gegeben, wird zur Zeit in Argentinien eines Besseren belehrt. So stehen heute 249 Menschen vor der Bank Boston in der Avenida Florida. Und im Microcenter genannten Stadtkern von Buenos Aires, wo eine Bank neben der anderen residiert, windet sich Schlange neben Schlange. »Wie viel wird der Dollar kosten?« fragen die Zeitungen, denn der Wechselkurs des argentinischen Peso wurde freigegeben.

Vor den Banken warten Menschen, die zunächst den ihnen wöchentlich zugestandenen Betrag von 250 Pesos abheben wollen. Danach müssen sie sich noch einmal in den Wechselstuben anstellen. An der Länge der täglichen Schlangen lässt sich ablesen, wie der Dollar steht. Ist der Kurs hoch, müssen viele Menschen warten; bleibt der Peso stabil oder holt er etwas auf, sind es weniger.

Gegen Mittag ändert sich die Szenerie. Auf der Plaza de Mayo haben sich einige Hundert Menschen versammelt. »Wir haben Dollar eingezahlt, wir wollen Dollar ausgezahlt bekommen«, ist die Hauptbotschaft dieses cacerolazo, einer Demonstration mit Kochtöpfen, Blechtellern oder Wasserkesseln. Doch während die Menschen durch das Bankenviertel ziehen, bleibt es nicht bei dieser förmlichen Aussage. »Ladrones!« (Diebe) schreiben ordentlich gekleidete Frauen in aller Ruhe auf die unzähligen Geldtransporter, »Chorres!« (Räuber) schreiben Rentner an die Scheiben und Mauern der Bankgebäude.

Anderswo werden Fensterscheiben eingeworfen. Niemand stört sich daran, dabei gesehen oder gefilmt zu werden. Zettel werden verteilt, auf denen der Text für die Sprechchöre steht. Es sind die zwölf Forderungen an Präsident Eduardo Duhalde. »Vor allen Dingen«, so steht da geschrieben, »keine Bewaffnung deiner Schwadronen!« Jorge Martinéz, der währenddessen seinem Job als Kellner nachgeht, erhofft sich das Gegenteil: »Das Volk wartet darauf, dass das Militär endlich wieder die Macht übernimmt. Jetzt ermorden sie dich für einen Peso; nie weiß ich, ob ich nach der Arbeit noch zu Hause ankomme.«

Noch um einige Hundert Menschen länger sind die Schlangen vor einigen der Tauschmärkte, die mit ihrer Ersatzwährung, den creditos, vor kur-zem nur von marginaler Bedeutung waren. Doch jetzt strömen die Menschen täglich zu einem dieser Orte und tauschen ihre creditos. Alle müssen selber etwas zum Tauschen anbieten, Geld lässt sich nicht in creditos verwandeln. So wird zweimal in der Woche auch das Sozialzentrum an der Federico Lacroze mit seinen fünf Stockwerken zu einem riesigen Tauschmarkt. Neben Essen, Kleidung und jeder Menge Krimskrams bieten hier auch ein Friseurstudio, ein Zahnarzt und eine Orthopädiepraxis ihre Dienste gegen creditos an. Bei der Vernetzung dieser Märkte gilt als erster Grundsatz: »Unsere Verwirklichung als Menschen muss nicht vom Geld bestimmt sein.«

Sonntag ist der Tag der »Versammlung der Versammlungen«. Das übliche Geschehen in einem Park verdichtet sich langsam zu einer Menge von rund 1 000 Menschen, die aus den 90 einzelnen Stadtteiltreffen hier zusammenkommen. Es gibt einen Bericht mit Beschlussvorschlägen aus jeder der Versammlungen. Abgestimmt wird im Anschluss an alle Berichte: Abschaffung des Obersten Gerichtes? Ja. Am nächsten Mittwoch den Kongress umstellen? Ja. Gegen Neoliberalismus? Logo. Auch für den Plan, dass 100 Nachbarn zur Polizei gehen sollen, wenn einer festgenommen wird, stimmen fast alle.

Gibt es eine hohe Anzahl von Enthaltungen, geht die Diskussion zurück in die lokalen Treffen; auf dieser Versammlung wird nicht diskutiert. Trotzdem dauert sie bis weit in den Abend; die Älteren haben ihre Gartenstühle mitgebracht. »Das gab es noch nie, dass die Mittelklasse sich selbst organisiert und den Protest entscheidend mitgestaltet hat«, urteilt der 67jährige Linke Guillermo. »Que no se quede ni uno solo«, wird währenddessen gesungen - kein einziger Politiker soll bleiben.

Die jungen Linken Marta und José atmeten auf, als diese Proteste begannen. Sie lagen in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember mit Übelkeit im Bett, voller Angst, verhaftet zu werden, als an diesem Tag die cacerolazos der Mittelklasse begannen. Damit hielten viele die Gefahr eines Militärputsches für gebannt. Zuvor hatten die Straßensperren der Arbeits- und Besitzlosen, der nach diesen Blockaden benannten piqueteros, die Proteste dominiert. Diese Bewegung war in den letzten Jahren in den Gebieten Argentiniens, in denen die an den Rand gedrängten leben, angewachsen; als sie Buenos Aires erreichte, wurde der Ausnahmezustand verhängt.


Während das Fernsehen täglich Berichte über verschiedene cacerolazos überträgt, werden von den piqueteros am Dock Sur die Raffinerien von Shell, EG 3 und Repsol blockiert. Repsol hatte nach der Privatisierung von seinen 70 000 ArbeiterInnen 50 000 entlassen.

Vermummte Männer und Frauen bauen aus Stahlzäunen und brennenden Reifen Barrikaden. Die Schlangen werden hier von den Autos gebildet. Mit der Ölversorgung soll die Infrastruktur von Buenos Aires getroffen werden. Erst am dritten Tag fangen die Medien an, über die Besetzung zu berichten. Die Blockade hat sich inzwischen in ein Dorf mit Kindern verwandelt. Geschlafen wird in Metallcontainern.

»Die Arbeitsplatzbesitzer haben Angst, ihre Stellen zu verlieren«, meint der piquetero Sergio. Eine Verbindung zwischen den beiden Bewegungen sieht er nicht, doch immerhin eine Radikalisierung der Mittelklasse. Aber auch unter den piqueteros arbeiten mittlerweile Strömungen zusammen, die so etwas noch vor vier Jahren unter keinen Umständen getan hätten: Maoisten, Trotzkisten, Stalinisten aller Art, vom Zapatismus inspirierte Bewegungen, die die Rolle der Frauen, die Rechte der Homosexuellen sowie die Entwicklung durch Basisdemokratie intensiv diskutieren. Auch der Trotzkist Sergio lehnt die Übernahme der Macht ab. Sie hätten gelernt, dass das Entscheidende die Rebellion sei, und sie werde von unten organisiert.

Das Prinzip ihrer Versammlungen ist ähnlich wie in den Stadtteilen von Buenos Aires. Statt Tauschmärkten gibt es in den Communities eigene Wirtschaftsstrukturen mit selbstverwalteten Bäckereien, Textil- und Schuhfirmen bis hin zur Metallverarbeitung. Hier bildet Geld die Grundlage, doch Kindergarten und Bibliotheken sind kostenlos, und der Gewinn wird innerhalb der Community sozialisiert.

Nach fünf Tagen wird die Besetzung der Raffinerie beendet, und die piqueteros ziehen auf die Plaza de Mayo zum ersten gemeinsamen cacerolazo, der bis zum Morgengrauen andauert. Nur wenige Stunden später beginnt hier ein Kongress der piqueteros, an dem sich auch die cacerolazos beteiligen.

Es fällt auf, dass die Altersgruppe der 35- bis 50jährigen fehlt - eine Folge der Militärdiktatur, in den Jahren von 1976 bis 1983 wurden 30 000 Menschen getötet oder blieben verschwunden. Dies macht sich auch in der gegenwärtigen politischen Formierung bemerkbar, meint Hebe, eine der Mütter der Verschwundenen, die sich als Madres de la Plaza de Mayo organisiert haben und seit über 25 Jahren an jedem Donnerstag auf dem Platz vor dem Regierungspalast demonstrieren.

Am Donnerstag, dem 20. Dezember, schafften es vier der Frauen, durch die Polizeisperren zu kommen. »An diesem Tag begann ein neuer Kampf für uns«, sagt Hebe und sieht dies als Teil einer globalen Widerstandsbewegung. Auch sie konnte nicht glauben, dass die Mittelklasse plötzlich auf die Straßen ging, und sie hofft, dass diese sich mit den piqueteros verbünden wird. »Dabei kommt es darauf an, dass wir zuhören, lernen und uns gegenseitig unterstützen.«

Madre Hebe erhofft sich ein »hijo fantastico«, ein fantastisches Kind, das aus dieser Verbindung entstehen könnte, räumt aber auch ein, dass sie scheitern könnte. Diego Sztulwark von der Gruppe Situaciones teilt diese Ambivalenz von Nüchternheit und Hoffnung: »Diese Bewegung wird sterben wie jede Bewegung. Es kommt darauf an, was sich durch die Selbstorganisierung bei den Menschen tut. Und das wird bleiben.«

   
   
   

 

 
   
         

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