Karl Marx und Friedrich
Engels
I. Bourgeois und Proletarier
Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von
Klassenkämpfen.
Freier und Sklave, Patrizier
und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz,
Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz
zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald
offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären
Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen
Untergang der kämpfenden Klassen.
In den früheren Epochen
der Geschichte finden wir fast überall eine vollständige Gliederung
der Gesellschaft in verschiedene Stände, eine mannigfaltige Abstufung
der gesellschaftlichen Stellungen. Im alten Rom haben wir Patrizier,
Ritter, Plebejer, Sklaven; im Mittelalter Feudalherren, Vasallen, Zunftbürger,
Gesellen, Leibeigene, und noch dazu in fast jeder dieser Klassen besondere
Abstufungen.
Die aus dem Untergang der
feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft
hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen,
neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes
an die Stelle der alten gesetzt.
Unsere Epoche, die Epoche
der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die
Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet
sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große,
einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.
Aus den Leibeigenen des Mittelalters
gingen die Pfahlbürger der ersten Städte hervor; aus dieser
Pfahlbürgerschaft entwickelten sich die ersten Elemente der Bourgeoisie.
Die Entdeckung Amerikas,
die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues
Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung von
Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel
und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schiffahrt, der Industrie
einen nie gekannten Aufschwung und damit dem revolutionären Element
in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.
Die bisherige feudale oder
zünftige Betriebsweise der Industrie reichte nicht mehr aus für
den mit neuen Märkten anwachsenden Bedarf. Die Manufaktur trat
an ihre Stelle. Die Zunftmeister wurden verdrängt durch den industriellen
Mittelstand; die Teilung der Arbeit zwischen den verschiedenen Korporationen
verschwand vor der Teilung der Arbeit in der einzelnen Werkstatt selbst.
Aber immer wuchsen die Märkte,
immer stieg der Bedarf. Auch die Manufaktur reichte nicht mehr aus.
Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die industrielle Produktion.
An die Stelle der Manufaktur trat die moderne große Industrie,
an die Stelle des industriellen Mittelstandes traten die industriellen
Millionäre, die Chefs ganzer industrieller Armeen, die modernen
Bourgeois.
Die große Industrie
hat den Weltmarkt hergestellt, den die Entdeckung Amerikas vorbereitete.
Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schiffahrt, den Landkommunikationen
eine unermeßliche Entwicklung gegeben. Diese hat wieder auf die
Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt, und in demselben Maße,
worin Industrie, Handel, Schiffahrt, Eisenbahnen sich ausdehnten, in
demselben Maße entwickelte sich die Bourgeoisie, vermehrte sie
ihre Kapitalien, drängte sie alle vom Mittelalter her überlieferten
Klassen in den Hintergrund.
Wir sehen also, wie die moderne
Bourgeoisie selbst das Produkt eines langen Entwicklungsganges, einer
Reihe von Umwälzungen in der Produktions- und Verkehrsweise ist.
Jede dieser Entwicklungsstufen
der Bourgeoisie war begleitet von einem entsprechenden politischen Fortschritt.
Unterdrückter Stand unter der Herrschaft der Feudalherren, bewaffnete
und sich selbst verwaltende Assoziation in der Kommune, hier unabhängige
städtische Republik, dort dritter steuerpflichtiger Stand der Monarchie,
dann zur Zeit der Manufaktur Gegengewicht gegen den Adel in der ständischen
oder in der absoluten Monarchie, Hauptgrundlage der großen Monarchien
überhaupt, erkämpfte sie sich endlich seit der Herstellung
der großen Industrie und des Weltmarktes im modernen Repräsentativstaat
die ausschließliche politische Herrschaft. Die moderne Staatsgewalt
ist nur ein Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte
der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.
Die Bourgeoisie hat in der
Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt.
Die Bourgeoisie, wo sie zur
Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen
Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande,
die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften,
unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch
übriggelassen als das nackte Interesse,
als die gefühllose "bare Zahlung". Sie hat die heiligen
Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung,
der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer
Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in
den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften
und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit
gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen
und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte,
direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.
Die Bourgeoisie hat alle
bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten
ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den
Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter
verwandelt.
Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis
seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein
reines Geldverhältnis zurückgeführt.
Die Bourgeoisie hat enthüllt,
wie die brutale Kraftäußerung, die die Reaktion so sehr am
Mittelalter bewundert, in der trägsten Bärenhäuterei
ihre passende Ergänzung fand. Erst sie hat bewiesen, was die Tätigkeit
der Menschen zustande bringen kann. Sie hat ganz andere Wunderwerke
vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen
und gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt
als Völkerwanderungen und Kreuzzüge.
Die Bourgeoisie kann nicht
existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse,
also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend
zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise
war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen
Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene
Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige
Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen
aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von
altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst,
alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles
Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht,
und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen
Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.
Das Bedürfnis nach einem
stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie
über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten,
überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.
Die Bourgeoisie hat durch
ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller
Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern
der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen
weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden
und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch
neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle
zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische
Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe
verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in
allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An
die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse
treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate
zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und
nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger
Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.
Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die
geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale
Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich,
und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine
Weltliteratur.
Die Bourgeoisie reißt
durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die
unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen
in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind sind die
schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund
schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß
der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die
Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde
gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst
einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft
sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.
Die Bourgeoisie hat das Land
der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen,
sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber
der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so einen bedeutenden
Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen. Wie
sie das Land von der Stadt, hat sie die barbarischen und halbbarbarischen
Länder von den zivilisierten, die Bauernvölker von den Bourgeoisvölkern,
den Orient vom Okzident abhängig gemacht.
Die Bourgeoisie hebt mehr
und mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und
der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglomeriert,
die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen
konzentriert. Die notwendige Folge hiervon war die politische Zentralisation.
Unabhängige, fast nur verbündete Provinzen mit verschiedenen
Interessen, Gesetzen, Regierungen und Zöllen wurden zusammengedrängt
in eine Nation, eine Regierung, ein Gesetz, ein nationales Klasseninteresse,
eine Douanenlinie.
Die Bourgeoisie hat in ihrer
kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere
Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen
zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung
der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen,
elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung
der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen
- welches frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte
im Schoß der gesellschaftlichen Arbeit
schlummerten.
Wir haben also gesehen: Die
Produktions- und Verkehrsmittel, auf deren Grundlage sich die Bourgeoisie
heranbildete, wurden in der feudalen Gesellschaft erzeugt. Auf einer
gewissen Stufe der Entwicklung dieser Produktions- und Verkehrsmittel
entsprachen die Verhältnisse, worin die feudale Gesellschaft produzierte
und austauschte, die feudale Organisation der Agrikultur und Manufaktur,
mit einem Wort die feudalen Eigentumsverhältnisse den schon entwickelten
Produktivkräften nicht mehr. Sie hemmten die Produktion, statt
sie zu fördern. Sie verwandelten sich in ebensoviele Fesseln. Sie
mußten gesprengt werden, die wurden gesprengt.
An ihre Stelle trat die freie
Konkurrenz mit der ihr angemessenen gesellschaftlichen und politischen
Konstitution, mit der ökonomischen und politischen Herrschaft der
Bourgeoisklasse.
Unter unsern Augen geht eine
ähnliche Bewegung vor. Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse,
die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche
Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert
hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht
mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. Seit Dezennien ist
die Geschichte der Industrie und des Handels nur die Geschichte der
Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die modernen Produktionsverhältnisse,
gegen die Eigentumsverhältnisse, welche die Lebensbedingungen der
Bourgeoisie und ihrer Herrschaft sind. Es
genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen
Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen
Gesellschaft in Frage stellen. In den Handelskrisen wird ein großer
Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen
Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen
bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren
Epochen als ein Widersinn erschienen wäre - die Epidemie der Überproduktion.
Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner
Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg
scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie,
der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Zivilisation,
zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt. Die Produktivkräfte,
die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung
der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse. Im Gegenteil, sie
sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden
von ihnen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen
sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden
sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen
Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum
zu fassen. Wodurch
überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene
Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch
die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung
alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, daß sie allseitigere
und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen,
vermindert.
Die Waffen, womit die Bourgeoisie
den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die
Bourgeoisie selbst.
Aber die Bourgeoisie hat
nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch
die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden - die modernen
Arbeiter, die Proletarier.
In demselben Maße,
worin sich die Bourgeoisie, d.h. das Kapital, entwickelt, in demselben
Maße entwickelt sich das Proletariat, die Klasse der modernen
Arbeiter, die nur so lange leben, als sie Arbeit finden, und die nur
so lange Arbeit finden, als ihre Arbeit das Kapital vermehrt. Diese
Arbeiter, die sich stückweis verkaufen müssen, sind eine Ware
wie jeder andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen
Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.
Die Arbeit der Proletarier
hat durch die Ausdehnung der Maschinerie und die Teilung der Arbeit
allen selbständigen Charakter und damit allen Reiz für die
Arbeiter verloren. Er wird ein bloßes Zubehör der Maschine,
von dem nur der einfachste, eintönigste, am leichtesten erlernbare
Handgriff verlangt wird. Die Kosten, die der Arbeiter verursacht, beschränken
sich daher fast nur auf die Lebensmittel, die er zu seinem Unterhalt
und zur Fortpflanzung seiner Race bedarf. Der Preis einer Ware, also
auch der Arbeit, ist aber gleich ihren Produktionskosten. In demselben
Maße, in dem die Widerwärtigkeit der Arbeit wächst,
nimmt daher der Lohn ab. Noch mehr, in demselben Maße, wie Maschinerie
und Teilung der Arbeit zunehmen, indemselben Maße nimmt auch die
Masse der Arbeit zu, sei es durch Vermehrung der Arbeitsstunden, sei
es durch Vermehrung der in einer gegebenen Zeit geforderten Arbeit,
beschleunigten Lauf der Maschinen usw.
Die moderne Industrie hat
die kleine Werkstube des patriarchalischen Meisters in die große
Fabrik des industriellen Kapitalisten verwandelt. Arbeitermassen,
in der Fabrik zusammengedrängt, werden soldatisch organisiert.
Sie werden als gemeine Industriesoldaten unter die Aufsicht einer vollständigen
Hierarchie von Unteroffizieren und Offizieren gestellt. Sie sind nicht
nur Knechte der Bourgeoisie, des Bourgeoisstaates, sie sind täglich
und stündlich geknechtet von der Maschine, von dem Aufseher und
vor allem von den einzelnen fabrizierenden Bourgeois selbst. Diese Despotie
ist um so kleinlicher, gehässiger, erbitterter, je offener sie
den Erwerb als ihren Zweck proklamiert.
Je weniger die Handarbeit
Geschicklichkeit und Kraftäußerung erheischt, d.h. je mehr
die moderne Industrie sich entwickelt, desto mehr wird die Arbeit der
Männer durch die der Weiber verdrängt. Geschlechts- und Altersunterschiede
haben keine gesellschaftliche Geltung mehr für die Arbeiterklasse.
Es gibt nur noch Arbeitsinstrumente, die je nach Alter und Geschlecht
verschiedene Kosten machen.
Ist die Ausbeutung des Arbeiters
durch den Fabrikanten so weit beendigt, daß er seinen Arbeitslohn
bar ausgezahlt erhält, so fallen die anderen Teile der Bourgeoisie
über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher
usw.
Die bisherigen kleinen Mittelstände,
die kleinen Industriellen, Kaufleute und Rentiers, die Handwerker und
Bauern, alle diese Klassen fallen ins Proletariat hinab, teils dadurch,
daß ihr kleines Kapital für den Betrieb der großen
Industrie nicht ausreicht und der Konkurrenz mit den größeren
Kapitalisten erliegt, teils dadurch, daß ihre Geschicklichkeit
von neuen Produktionsweisen entwertet wird. So rekrutiert sich das Proletariat
aus allen Klassen der Bevölkerung.
Das Proletariat macht verschiedene
Entwicklungsstufen durch. Sein Kampf gegen die Bourgeoisie beginnt mit
seiner Existenz. Im Anfang kämpfen die einzelnen Arbeiter, dann
die Arbeiter einer Fabrik, dann die Arbeiter eines Arbeitszweiges an
einem Ort gegen den einzelnen Bourgeois, der sie direkt ausbeutet. Sie
richten ihre Angriffe nicht nur gegen die bürgerlichen Produktionsverhältnisse,
sie richten sie gegen die Produktionsinstrumente selbst; sie vernichten
die fremden konkurrierenden Waren, sie zerschlagen die Maschinen, sie
stecken die Fabriken in Brand, die suchen die untergegangene Stellung
des mittelalterlichen Arbeiters wiederzuerringen.
Auf dieser Stufe bilden die
Arbeiter eine über das Land zerstreute und durch die Konkurrenz
zersplitterte Masse. Massenhaftes Zusammenhalten der Arbeiter ist noch
nicht die Folge ihrer eigenen Vereinigung, sondern die Folge der Vereinigung
der Bourgeoisie, die zur Erreichung ihrer eigenen politischen Zwecke
das ganze Proletariat in Bewegung setzen muß und es einstweilen
noch kann. Auf dieser
Stufe bekämpfen die Proletarier also noch nicht ihre Feinde, sondern
die Feinde ihrer Feinde, die Reste der absoluten Monarchie, die Grundeigentümer,
die nichtindustriellen Bourgeois, die Kleinbürger. Die ganze geschichtliche
Bewegung ist so in den Händen der Bourgeoisie konzentriert; jeder
Sieg, der so errungen wird, ist ein Sieg der Bourgeoisie.
Aber mit der Entwicklung
der Industrie vermehrt sich nicht nur das Proletariat; es wird in größeren
Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst, und es fühlt
sie immer mehr. Die Interessen, die Lebenslagen innerhalb des Proletariats
gleichen sich immer mehr aus, indem die Maschinerie mehr und mehr die
Unterschiede der Arbeit verwischt und den Lohn fast überall auf
ein gleich niedriges Niveau herabdrückt. Die wachsende Konkurrenz
der Bourgeois unter sich und die daraus hervorgehenden Handelskrisen
machen den Lohn der Arbeiter immer schwankender; die immer rascher sich
entwickelnde, unaufhörliche Verbesserung der Maschinerie macht
ihre ganze Lebensstellung immer unsicherer; immer mehr nehmen die Kollisionen
zwischen dem einzelnen Arbeiter und dem einzelnen Bourgeois den Charakter
von Kollisionen zweier Klassen an. Die Arbeiter beginnen damit, Koalitionen
gegen die Bourgeois zu bilden; sie treten zusammen zur Behauptung ihres
Arbeitslohns. Sie stiften selbst dauernde Assoziationen, um sich für
die gelegentlichen Empörungen zu verproviantieren. Stellenweis
bricht der Kampf in Emeuten aus.
Von Zeit zu Zeit siegen die
Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das eigentliche Resultat ihrer
Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter
um sich greifende Vereinigung der Arbeiter. Sie wird befördert
durch die wachsenden Kommunikationsmittel, die von der großen
Industrie erzeugt werden und die Arbeiter der verschiedenen Lokalitäten
miteinander in Verbindung setzen. Es bedarf aber bloß der Verbindung,
um die vielen Lokalkämpfe von überall gleichem Charakter zu
einem nationalen, zu einem Klassenkampf zu zentralisieren. Jeder Klassenkampf
ist aber ein politischer Kampf. Und die Vereinigung, zu der die Bürger
des Mittelalters mit ihren Vizinalwegen Jahrhunderte bedurften, bringen
die modernen Proletarier mit den Eisenbahnen in wenigen Jahren zustande.
Diese Organisation der Proletarier
zur Klasse, und damit zur politischen Partei, wird jeden Augenblick
wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst. Aber
sie ersteht immer wieder, stärker, fester, mächtiger. Sie
erzwingt die Anerkennung einzelner Interesse der Arbeiter in Gesetzesform,
indem sie die Spaltungen der Bourgeoisie unter sich benutzt. So die
Zehnstundenbill in England.
Die Kollisionen der alten
Gesellschaft überhaupt fördern mannigfach den Entwicklungsgang
des Proletariats. Die Bourgeoisie befindet sich in fortwährendem
Kampfe: anfangs gegen die Aristokratie; später gegen die Teile
der Bourgeoisie selbst, deren Interessen mit dem Fortschritt der Industrie
in Widerspruch geraten; stets gegen die Bourgeoisie aller auswärtigen
Länder. In allen diesen Kämpfen sieht sie sich genötigt,
an das Proletariat zu appellieren, seine Hülfe in Anspruch zu nehmen
und es so in die politische Bewegung hineinzureißen. Sie selbst
führt also dem Proletariat ihre eigenen Bildungselemente, d.h.
Waffen gegen sich selbst, zu.
Es werden ferner, wie wir
sahen, durch den Fortschritt der Industrie ganze Bestandteile der herrschenden
Klasse ins Proletariat hinabgeworfen oder wenigstens in ihren Lebensbedingungen
bedroht. Auch sie führen dem Proletariat eine Masse Bildungselemente
zu.
In Zeiten endlich, wo der
Klassenkampf sich der Entscheidung nähert, nimmt der Auflösungsprozeß
innerhalb der herrschenden Klasse, innerhalb der ganzen alten Gesellschaft,
einen so heftigen, so grellen Charakter an, daß ein kleiner Teil
der herrschenden Klasse sich von ihr lossagt und sich der revolutionären
Klasse anschließt, der Klasse, welche die Zukunft in ihren Händen
trägt. Wie daher früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie
überging, so geht jetzt ein Teil der Bourgeoisie zum Proletariat
über, und namentlich ein Teil dieser Bourgeoisideologen, welche
zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung
sich hinaufgearbeitet haben.
Von allen Klassen, welche
heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat
eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen
und gehen unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist
ihr eigenstes Produkt.
Die Mittelstände, der
kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer,
sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände
vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär,
sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen
das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Sind sie revolutionär,
so sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang
ins Proletariat, so verteidigen sie nicht ihre gegenwärtigen, sondern
ihre zukünftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt,
um sich auf den des Proletariats zu stellen.
Das Lumpenproletariat, diese
passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft, wird
durch eine proletarische Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert,
seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären
Umtrieben erkaufen zu lassen.
Die Lebensbedingungen der
alten Gesellschaft sind schon vernichtet in den Lebensbedingungen des
Proletariats. Der Proletarier ist eigentumslos; sein Verhältnis
zu Weib und Kindern hat nichts mehr gemein mit dem bürgerlichen
Familienverhältnis; die moderne industrielle Arbeit, die moderne
Unterjochung unter das Kapital, dieselbe in England wie in Frankreich,
in Amerika wie in Deutschland, hat ihm allen nationalen Charakter abgestreift.
Die Gesetze, die Moral, die Religion sind für ihn ebenso viele
bürgerliche Vorurteile, hinter denen sich ebenso viele bürgerliche
Interessen verstecken.
Alle früheren Klassen,
die sich die Herrschaft eroberten, suchten ihre schon erworbene Lebensstellung
zu sichern, indem sie die ganze Gesellschaft den Bedingungen ihres Erwerbs
unterwarfen. Die Proletarier können sich die gesellschaftlichen
Produktivkräfte nur erobern, indem sie ihre eigene bisherige Aneignungsweise
und damit die ganze bisherige Aneignungsweise abschaffen. Die Proletarier
haben nichts von dem Ihrigen zu sichern, sie haben alle bisherigen Privatsicherheiten
und Privatversicherungen zu zerstören.
Alle bisherigen Bewegungen
waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten.
Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren
Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl. Das Proletariat, die
unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, kann sich nicht erheben,
nicht aufrichten, ohne daß der ganze Überbau der Schichten,
die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird.
Obgleich nicht dem Inhalt,
ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst
ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muß natürlich
zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden.
Indem wir die allgemeinsten
Phasen der Entwicklung des Proletariats zeichneten, verfolgten wir den
mehr oder minder versteckten Bürgerkrieg innerhalb der bestehenden
Gesellschaft bis zu dem Punkt, wo er in eine offene Revolution ausbricht
und durch den gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie das Proletariat seine
Herrschaft begründet.
Alle bisherige Gesellschaft
beruhte, wie wir gesehen haben, auf dem Gegensatz unterdrückender
und unterdrückter Klassen. Um
aber eine Klasse unterdrücken zu können, müssen ihr Bedingungen
gesichert sein, innerhalb derer sie wenigstens ihre knechtische Existenz
fristen kann. Der Leibeigene hat sich zum Mitglied der Kommune in der
Leibeigenschaft herangearbeitet wie der Kleinbürger zum Bourgeois
unter dem Joch des feudalistischen Absolutismus. Der moderne Arbeiter
dagegen, statt sich mit dem Fortschritt der Industrie zu heben, sinkt
immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab. Der
Arbeiter wird zum Pauper, und der Pauperismus entwickelt sich noch schneller
als Bevölkerung und Reichtum. Es
tritt hiermit offen hervor, daß die Bourgeoisie unfähig ist,
noch länger die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben
und die Lebensbedingungen ihrer Klasse der Gesellschaft als regelndes
Gesetz aufzuzwingen. Sie ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig
ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu
sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen,
wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden.
Die Gesellschaft kann nicht mehr unter ihr leben, d.h., ihr Leben ist
nicht mehr verträglich mit der Gesellschaft.
Die wesentliche Bedingung
für die Existenz und für die Herrschaft der Bourgeoisklasse
ist die Anhäufung des Reichtums in den Händen von Privaten,
die Bildung und Vermehrung des Kapitals; die Bedingung des Kapitals
ist die Lohnarbeit. Die Lohnarbeit beruht ausschließlich auf der
Konkurrenz der Arbeiter unter sich. Der Fortschritt der Industrie, dessen
willenloser und widerstandsloser Träger die Bourgeoisie ist, setzt
an die Stelle der Isolierung der Arbeiter durch die Konkurrenz ihre
revolutionäre Vereinigung durch die Assoziation. Mit der Entwicklung
der großen Industrie wird also unter den Füßen der
Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen , worauf sie produziert
und die Produkte sich aneignet. Sie
produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und
der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.
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